Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Asbestverbot ist der Gefahrstoff in Deutschland noch immer ein zentrales Thema im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Die aktuellen Zahlen der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) verdeutlichen das Ausmaß: Im Jahr 2025 starben 291 Versicherte an den Folgen asbestbedingter Erkrankungen. Damit ist Asbest weiterhin die häufigste Ursache tödlicher Berufskrankheiten in der Bauwirtschaft und übertrifft die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle deutlich.
Die Entwicklung zeigt, dass das Problem keineswegs der Vergangenheit angehört. Vielmehr wächst die Bedeutung des Themas mit der zunehmenden Sanierung und Modernisierung des Gebäudebestands weiter.
Das Verbot hat die Gefahr nicht beseitigt
Seit 1993 darf Asbest in Deutschland nicht mehr verwendet werden. Dennoch befindet sich der Stoff noch immer in Millionen älterer Gebäude. Besonders betroffen sind Immobilien, die zwischen den 1950er- und frühen 1990er-Jahren errichtet wurden.
Über viele Jahrzehnte galt Asbest als nahezu idealer Baustoff. Seine hohe Hitzebeständigkeit, Langlebigkeit und gute Dämmwirkung führten dazu, dass er in zahlreichen Bauprodukten eingesetzt wurde. Heute stellt genau dieser umfangreiche Gebäudebestand eine große Herausforderung dar.
Viele asbesthaltige Materialien bleiben über Jahrzehnte unauffällig. Gefährlich wird es häufig erst dann, wenn Gebäude saniert, umgebaut oder modernisiert werden und dabei Fasern freigesetzt werden können.
Asbest steckt oft an unerwarteten Stellen
Während viele Menschen Asbest vor allem mit alten Dachplatten oder Fassaden verbinden, befinden sich asbesthaltige Bestandteile häufig an deutlich weniger offensichtlichen Stellen. Neben Asbestzement wurden die Fasern früher zahlreichen Baustoffen beigemischt.
Dazu gehören unter anderem Fliesenkleber, Spachtelmassen, Putze, Estriche, Bodenbelagskleber, Brandschutzplatten, Dichtungsmaterialien oder Rohrisolierungen. Diese Baustoffe lassen sich meist weder optisch noch durch ihre Oberfläche eindeutig erkennen.
Gerade bei Renovierungsarbeiten entstehen dadurch Risiken. Beim Bohren, Fräsen, Schleifen oder Stemmen können feinste Fasern freigesetzt werden, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind und eingeatmet werden können.
Erkrankungen zeigen sich oft erst Jahrzehnte später
Eine besondere Herausforderung besteht in der langen Latenzzeit asbestbedingter Erkrankungen. Zwischen dem Kontakt mit den Fasern und dem Ausbruch einer Krankheit vergehen häufig mehrere Jahrzehnte.
Zu den bekanntesten Krankheitsbildern zählen Asbestose, Lungenkrebs sowie das besonders aggressive Mesotheliom, ein Tumor des Brust- oder Bauchfells. Viele der heute registrierten Todesfälle gehen auf Belastungen zurück, die bereits in den 1970er-, 1980er- oder frühen 1990er-Jahren stattgefunden haben.
Diese zeitliche Verzögerung macht die Gefahr besonders tückisch. Während Arbeitsunfälle unmittelbar sichtbar werden, bleiben die gesundheitlichen Folgen einer Asbestexposition oft jahrzehntelang unbemerkt.
Energetische Sanierungen erhöhen die Zahl der Berührungspunkte
Der Modernisierungsbedarf im Gebäudebestand sorgt dafür, dass Beschäftigte heute deutlich häufiger mit älteren Baustoffen in Kontakt kommen. Fassadensanierungen, Dacharbeiten, der Einbau neuer Heizsysteme oder die Installation von Photovoltaikanlagen erfordern vielfach Eingriffe in Gebäudeteile, die während der Asbest-Ära errichtet wurden.
Damit steigen auch die Anforderungen an Bauunternehmen, Planer und Handwerksbetriebe. Bereits vor Beginn einer Baumaßnahme sollte sorgfältig geprüft werden, ob asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten. Eine fundierte Bestandsaufnahme bildet die Grundlage für geeignete Schutzmaßnahmen und eine sichere Arbeitsplanung.
Arbeitsschutz gewinnt weiter an Bedeutung
Die aktuellen Zahlen machen deutlich, dass Asbest auch künftig zu den größten Herausforderungen im Bauwesen gehören wird. Neben einer sorgfältigen Gefährdungsbeurteilung spielen Schulungen, geeignete Arbeitsverfahren und persönliche Schutzausrüstung eine entscheidende Rolle.
Ebenso wichtig ist eine frühzeitige Untersuchung älterer Gebäude, bevor Rückbau- oder Sanierungsarbeiten beginnen. Nur wenn mögliche Belastungen rechtzeitig erkannt werden, lassen sich Beschäftigte wirksam schützen und unkontrollierte Faserfreisetzungen vermeiden.
Der Gebäudebestand bleibt eine langfristige Aufgabe
Obwohl Asbest seit mehr als 30 Jahren nicht mehr verwendet werden darf, wird sich die Bauwirtschaft noch viele Jahre mit diesem Gefahrstoff beschäftigen müssen. Millionen Bestandsgebäude stammen aus einer Zeit, in der Asbest in zahlreichen Baustoffen verarbeitet wurde. Gleichzeitig nimmt die Zahl energetischer Modernisierungen und Sanierungen kontinuierlich zu.
Die aktuellen Todesfälle zeigen eindrücklich, welche langfristigen Folgen frühere Belastungen haben können. Zugleich verdeutlichen sie, wie wichtig konsequente Prävention bei heutigen Bauprojekten ist. Jede sorgfältig geplante Sanierung und jeder verantwortungsvolle Umgang mit potenziell belasteten Baustoffen trägt dazu bei, die Zahl zukünftiger Erkrankungen dauerhaft zu reduzieren.

