Gipsplatten, Estriche, Putze und zahlreiche weitere Baustoffe sind auf einen Rohstoff angewiesen, dessen Versorgung sich grundlegend verändert. Mit dem schrittweisen Ende der Kohleverstromung verschwindet nämlich nicht nur ein Energieträger vom Markt. Gleichzeitig fällt immer weniger sogenannter REA-Gips an. Für die Bauwirtschaft könnte daraus in den kommenden Jahren ein ernstzunehmender Rohstoffengpass entstehen.
REA-Gips entsteht bei der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken und hat über Jahrzehnte einen erheblichen Teil des deutschen Gipsbedarfs gedeckt. Wie schnell diese Quelle versiegt, zeigen aktuelle Branchendaten: Bereits 2024 sank das Aufkommen auf rund 2,9 Millionen Tonnen. Diese Größenordnung war ursprünglich erst für 2030 erwartet worden.
Vom Trockenbau bis zur Windkraft
Die Folgen reichen weit über klassische Gipskartonplatten hinaus. Gips kommt unter anderem im Innenausbau, bei Estrichen und Putzen zum Einsatz. Auch für bestimmte Anwendungen im Zusammenhang mit Windkraftanlagen wird der Rohstoff benötigt.
Der Kohleausstieg stellt die Branche deshalb vor eine ungewöhnliche Herausforderung. Ein Nebenprodukt der fossilen Energieerzeugung, das bislang als wertvoller Sekundärrohstoff genutzt wurde, muss zunehmend durch andere Quellen ersetzt werden. Neben Naturgips richtet sich der Blick dabei vor allem auf Recyclingmaterial.
Recycling bleibt weit unter seinen Möglichkeiten
An verwertbarem Material mangelt es grundsätzlich nicht. 2024 wurden rund 578.600 Tonnen Gipsabfälle statistisch erfasst. Daraus entstanden allerdings lediglich etwa 128.500 Tonnen Recycling-Gips. Das entspricht gut 22 Prozent des erfassten Aufkommens.
Ein wesentlicher Grund liegt in der Qualität der Abfallströme. Gipsplatten können vergleichsweise gut wiederaufbereitet werden, wenn sie beim Rückbau sortenrein und möglichst frei von Fremdstoffen gesammelt werden. Landen sie dagegen zusammen mit anderem Bauschutt im Container, wird eine hochwertige Wiederverwertung schwieriger oder unwirtschaftlich.
Nach Einschätzung der Branche könnten derzeit etwa 300.000 bis 400.000 Tonnen Recycling-Gips wirtschaftlich gewonnen werden. Damit besteht erhebliches ungenutztes Potenzial – für einen vollständigen Ersatz des wegfallenden REA-Gipses reicht es jedoch nicht.
Altbauten liefern noch zu wenig Recyclingmaterial
Hinzu kommt ein zeitliches Problem. Viele heute zurückgebaute Gebäude enthalten vergleichsweise geringe Mengen moderner Gipsprodukte. Gipsplatten wurden erst seit den 1980er Jahren verstärkt verbaut. Größere Mengen werden daher erst in Zukunft aus Sanierung, Umbau und Abbruch zurückkommen.
Auch das Verhältnis von Neubau und Rückbau begrenzt den Kreislauf. Während 2022 rund 295.000 Wohnungen fertiggestellt wurden, lag die Zahl abgerissener oder umgewidmeter Wohnungen lediglich bei etwa 16.500. Es kann also derzeit gar nicht genügend gebrauchter Gips zurückgewonnen werden, um den Bedarf der Produktion vollständig zu decken.
Naturgips gewinnt wieder an Bedeutung
Die Gipsindustrie fordert deshalb bessere Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft. Dazu gehören eine konsequentere Trennung auf Baustellen, klare rechtliche Vorgaben für Recycling-Gips und weniger Deponierung wiederverwertbarer Materialien.
Für Abbruchunternehmen und Entsorger könnte das künftig zusätzliche Anforderungen an Rückbau, Sortierung und Logistik bedeuten. Gleichzeitig würde mehr hochwertiges Material für neue Baustoffe zur Verfügung stehen.
Die rechnerische Lücke bleibt dennoch groß. Recycling kann den Rohstoffbedarf reduzieren, den Rückgang des REA-Gipses aber auf absehbare Zeit nicht vollständig auffangen. Damit dürfte Naturgips wieder stärker in den Mittelpunkt der Versorgung rücken. Der Kohleausstieg entwickelt sich für die Bauwirtschaft somit auch zu einer Rohstofffrage – und zeigt, wie eng Energieerzeugung, Baustoffproduktion und Kreislaufwirtschaft bislang miteinander verbunden sind.

